20170220 Christian Coenen Kirche Brauerschwend halloween 3420 rdax 1140x541 60

 

 

 

 

 

 

 

 



Bildnachweis: Christian Coenen für die EKD

Liebe Besucher unserer Seiten,

die Herbstnebel wabern, und das leuchtende Orangerot der an den Straßen strategisch aufgehäuften Kürbisstapel  erinnert daran, dass uns bald wieder das Halloween-Spektakel ins Haus steht. Während Jugendliche und junge Erwachsene bereits nach der angesagt-gruseligsten Halloweenparty schauen, denn das Angebot in der Region ist groß, nähen viele Eltern bereits an Kostüm und Ausstattung für die jüngeren Enthusiasten.

Und alljährlich kommt wieder die Frage auf, wie wir eigentlich zu diesem Fest stehen sollen, das mit unserem gerne ignorierten Reformationstag zusammenfällt, dem Tag also, an dem wir des Anschlags der 95 Thesen Martin Luthers in Wittenberg gedenken und damit einem Prozess der selbstkritischen Reinigung huldigen, dem lutherischen Selbsterforschen des Kurses – des eigenen und des unserer Kirche.

Um Sie gleich zu beruhigen: Ein echtes Problem haben wir Protestanten nicht mit dem Spektakel. Zum einen liegt es in der menschlichen Natur, sinnliche Erlebnisse kalter Intellektualität vorzuziehen, weswegen die reale Ausübung von Religion mit vielerlei bisweilen unreflektierten Gebräuchen durchsetzt ist, die nicht wirklich kanonisch sind. Dazu zählen Weihnachtsbaum und rote Ostereier (Achtung: heidnisches Fruchtbarkeitszeichen) ebenso wie die beliebten Plastikflaschen in Marienform mit Weihwasser aus Lourdes in katholischen Haushalten oder das stille Holen von Osterwasser junger Frauen in der sorbischen Kultur. Kaum jemand kann sich Weihnachten und Ostern ohne die damit verbundenen gewohnten Bräuche vorstellen. Andererseits ist Halloween nur ein beliebtes Spektakel, ein Volksfest, jedoch ohne innere Bindung an die Ursprünge des heidnischen Samhain, das den Winteranfang markierte und sich der Abwehr von Geistern widmet, die Familie und Ernte gefährden könnten. Gewiss, da sind auch die Neo-Paganisten, die den Kirchen den Rücken kehren und direkt hier, mitten im 21. Jahrhundert und mit dem Handy in der Tasche, sehr alte heidnische Rituale wiederentdecken möchten und sich auf eine unspezifische Art nach etwas sehnen, das ihnen die heutige Zeit nicht mehr zu geben scheint. Aber das  wäre ein ganz eigener Artikel.

Pfarrer Andrew Schäfer zieht in seinem diesjährigen Aufsatz für die EKD-Homepage eine interessante Parallele zu Paulus, der ja lange bevor 835 Papst Gregor IV Allerheiligen (von all-hallows-eve kommt nämlich der Ausdruck Halloween) einführte, mit mancherlei Untrieben und Traditionen in den von ihm betreuten Diaspora-Gemeinden zu kämpfen hatte. Er sollte sich z.B. mit der Frage auseinandersetzen, ob ein Christ Fleisch essen dürfe, das aus den Tempelopfern stamme, wenn es ihm von einem Gastgeber angeboten werde oder wenn er es auf dem Markt einkaufe.

Paulus führt aus (Römer 14), dass man als Christ alle Freiheiten habe, solches Fleisch zu essen, dass diese Freiheit nur durch die Liebe eingeschränkt sei - z. B. durch die Liebe zu den Mitchristen.

Somit ist die Teilnahme am Halloween-Spektakel genauso wie die Teilnahme am Karnevalsumzug nicht unvereinbar mit protestantischer Lehre, es liegt vielmehr in der Verantwortung jedes Einzelnen, sein Verhalten, den Charakter dieser Feste für sich zu beurteilen und entsprechend zu handeln.

Und das ist eben der Geist der Reformation, das Selbsterforschen, das Neuausrichten. Es bedarf keiner weltlichen Obrigkeit für das Gewissen und weltliche Obrigkeit kann ein Gewissen nicht ersetzen. Sola scriptura, solus Christus, sola fide sind die Ausrichtungsinstanz, mit der wir uns am Reformationstag befassen, heute weniger mit den Abgründen des Ablaßhandels, vielmehr mit unserer höchsteigenen Verantwortung.

Also: wenn es nächste Woche an der Türe schellt und ein kleines Gespenst, meist aber deren mehrere Süßes oder Saures verhandeln will, lassen Sie sich erweichen – die Kids haben wirklich Spaß dabei.

Die Geschichte wäre hier beendet, wenn da nicht der verflixte Kürbis wäre

Der Kürbis... ja der ist nicht Samhain, ist nicht mal Europa. Er ist eine amerikanische Adaptation der Legende von Jack-o-Lantern, übersetzt Lampenjohannes, der zufolge „Stingy Jack“ aka Johannes Altfeld, ein Geizhals und Säufer, den Teufel zweimal ausgetrickst haben soll. Und weil er zu sündig für den Himmel war, mit dem Teufel zuvor aber eine rechtsverbindliche Höllenausschlussklausel verhandelt hatte, musste Jack nach seinem Ableben fürderhin mit einer Kohle aus der Hölle und einer ausgehöhlten Rübe, seiner Wegzehrung, umherwandeln. Aber eben mit einer Rübe, nicht mit einem Kürbis. Von denen gibt’s in Amerika freilich sehr viele und sogar zur richtigen Zeit. So wurde die kleine Rübe -nicht ohne wirtschaftliches Kalkül-  halt zum dicken und besser schnitzbaren Kürbis.

Bei uns ist der Kürbis eher dekorativer Exot, während die geernteten Zuckerrüben tonnenweise auf den Abtransport warten. Die Älteren unserer Region erinnern sich möglicherweise an einen Brauch, bei dem Kinder mit ausgehöhlten Zuckerrüben von Tür zu Tür gingen, Lieder sangen und Spenden einsammelten (nicht trick or treating sondern tatsächlich im Sinne von neudeutsch fundraising). Vielleicht sollten wir diese nette und sehr christliche Tradition in der Region wiederbeleben.

Autor: D.Hoffmann